Vogelzug und Klimawandel: Gewinner, Verlierer und was unsere Mobilität damit zu tun hat

vogelzug.jpgDen europäischen Winter im warmen Süden verbringen – viele träumen davon. Für unsere Zugvögel ist es Realität. Jahr für Jahr fliegen sie im Herbst Richtung Süden, und im Frühling kommen sie wieder zurück. Seit tausenden von Jahren ist das so - aber wie lange noch? Denn mit dem Klimawandel ändert sich auch das Wanderverhalten der Zugvögel.

„Alle Vögel sind schon da“ - immer früher im Jahr dürfen wir das bekannte Kinderlied anstimmen. Die besungenen Frühlingsboten, Zugvögel wie „Amsel, Drossel, Fink und Star“, kehren nämlich zeitiger in ihre mitteleuropäischen Brutgebiete zurück. So hat die deutsche Vogelwarte Helgoland zum Beispiel festgestellt, dass die Amseln elf Tage eher eintreffen als noch vor 50 Jahren. Der Grund: Es ist früher warm – eine Folge des Klimawandels.

Herbstzug: früher, später oder gar nicht

Auch im Herbst, wenn die Vögel Richtung Süden abwandern, ist es nicht wie eh und je. Diese Veränderungen sind allerdings komplizierter, wie Vogelzug-Experte Felix Liechti von der Vogelwarte Sempach erklärt: „Es gibt Arten, die früher wegziehen, weil sie früher mit dem Brüten fertig sind. Andere Arten brüten ein zweites Mal und ziehen deshalb dann eher später weg.“ Wiederum andere ziehen gar nicht mehr und überwintern bei uns. Ringeltauben, Stare und Mönchsgrasmücken sind nur einige Vogelarten, die neuerdings in der Schweiz bleiben.

Der Grund der Reise

Dabei sind es nicht die tiefen Temperaturen an sich, welche die Tiere vertreiben. „Die Vögel ziehen nicht, weil es kalt oder warm ist,“ sagt Liechti, „sondern weil das Nahrungsangebot im Winter viel kleiner ist als im Sommer, wenn es überall Insekten gibt.“ Den gefiederten Insektenfressern geht im mitteleuropäischen Winter also schlicht und einfach die Nahrung aus.

Vögel versus Menschen

Da ist es bei uns Menschen anders. Wir riskieren nicht zu verhungern, wenn wir den Winter in Mitteleuropa verbringen. Zieht es uns trotzdem in den Süden, dann meist, weil wir der Kälte entfliehen wollen. Und dabei ist es gerade das wachsende menschliche Mobilitätsbedürfnis, das indirekt mitverantwortlich ist dafür, dass sich die Wandergewohnheiten der Zugvögel verändern.

Wie unsere Mobilität jene der Vögel beeinflusst

Auto fahren, fliegen und sogar im Zug reisen – alle diese Aktivitäten geben direkt oder indirekt Treibhausgase in die Atmosphäre ab, welche wiederum für den Temperaturanstieg auf der Erde verantwortlich sind. 13 Prozent der von Menschen verursachten Treibhausgas-Ausstösse lassen sich auf den Verkehr zurückführen. Und der Verkehrssektor ist in den letzten Jahrzehnten weltweit stark gewachsen. So steht es in einem Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change, einem internationalen Expertengremium, das sich mit dem Klimawandel befasst.

Klimawandel - Gewinner und Verlierer

Zurück zu unseren gefiederten Freunden. Die von den Menschen zumindest mitverschuldete Klimaerwärmung wirkt sich nicht auf alle Arten auf die gleiche Weise aus. „Es gibt, wie überall, Gewinner und Verlierer,“ sagt Felix Liechti. Zu den Gewinnern zählen die Rauchschwalben. In Dänemark haben Forscher festgestellt, dass Rauchschwalben wegen der längeren Wärmeperiode mehr Zeit zum Brüten haben und so ihren Nachwuchs besser aufziehen können. Andere Arten profitieren, weil sie die Brutgebiete nicht mehr verlassen müssen. „Zu den Gewinnern gehören vor allem Vögel, die im Winter bei uns bleiben können, wie zum Beispiel die Distelfinken,“, meint Felix Liechti. „Sie können die Reviere früher besetzen und mehr Junge aufziehen.“

Trauerschnäpper als Verlierer

Für andere Arten wie den Trauerschnäpper wird der Klimawandel zum Problem. Im April und Mai kehrt er aus Afrika nach Mittel- und Nordeuropa zurück. Hier schlüpfen seine Jungen genau dann, wenn es am meisten Insekten-Futter gibt. Dieses präzise Timing gerät nun durcheinander. Weil es früher warm wird, erreichen die Insektenmengen früher ihren Höhepunkt. Die Trauerschnäpper haben sich daran bisher nicht angepasst. „Die Ankunftszeit der Trauerschnäpper bleibt gleich. Wenn sich das Nahrungsangebot im Brutgebiet früher ins Jahr verschiebt, sind sie irgendwann zu spät“, sagt Ornithologe Liechti. Die Folgen: Viele Jungvögel verhungern. Einige Trauerschnäpper-Populationen haben bereits stark abgenommen.

Der Lauf der Evolution?

Durch den Klimawandel werden manche Arten profitieren, andere riskieren auszusterben. Gewinner und Verlierer – das gab es im Rahmen der Evolution schon immer. Man denke nur an die Dinosaurier. Die Frage ist, ob es sich bei den aktuell zu beobachtenden Veränderungen auch um einen natürlichen Vorgang handelt. „Wenn man in Evolutions-Zeiträumen denkt, also in Zehntausenden, Hunderttausenden oder Millionen von Jahren, müssen wir uns um die Natur keine grossen Sorgen machen. Sie wird sich dem neuen Klimaregime anpassen. Die Frage ist eher, wie der Mensch darin seinen Platz finden wird“, meint Vogelzug-Experte Felix Liechti. „Einzelne Arten können durchaus verschwinden – das war schon immer so. Neu ist dieser kurzfristige Klimawandel, der wie ein Schock wirken kann - sowohl für unsere Existenzgrundlagen wie auch für viele Wildtiere und Wildpflanzen.“

Interview mit Vogelzug-Experte Felix Liechti von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach zum Thema “Vogelzug und Klimawandel” anhören:

Weitere Informationen zum Thema “Vogelzug und Klimawandel”:

  • Informationen zum Vogelzug auf der Webseite der Schweizerischen Vogelwarte Sempach.
  • NZZ-online-Artikel von Peter Berthold, Ornithologe und ehemaliger Leiter der Vogelwarte Radolfzell des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Deutschland.
  • Woher wissen die Vögel, wohin sie im Winter fliegen müssen? Wie gewinnen Ornithologen ihre Erkennisse über den Vogelzug? Solche Fragen beantwortet dieses TV-Beitrag mit dem Titel “Der genetische Autopilot der Zugvögel” der Sendung “MTW” des Schweizer Fernsehens.

Bild: ©Bernd Zuppinger / PIXELIO - www.pixelio.de

Einen Kommentar schreiben